News - Executive MBA HSG


17.03.2015

Interview mit Daniela Decurtins, Alumni EMBA HSG


Daniela Decurtins ist seit 2012 Direktorin des Verbands der Schweizerischen Gasindustrie. Sie war zuvor 25 Jahre in den Medien tätig, 18 Jahre davon beim Tages Anzeiger und die letzten 10 Jahre als Mitglied der Chefredaktion, wo sie unter anderem für verschiedene Strategieprojekte verantwortlich war.

 

Sie studierte allgemeine Geschichte, Volkswirtschaft und politische Wissenschaften an der Universität Zürich und war als Journalistin mit Schwerpunkt Wirtschaft und Politik tätig. 2011 hat sie ein berufsbegleitendes Management-Studium an der Universität St. Gallen (EMBA HSG) abgeschlossen.


Sie haben die operative Führung des Verbands der Schweizerischen Gasindustrie (VSG), Zürich, übernommen, welches sind die grössten Herausforderungen in Ihrer Aufgabe?

Die Energiewirtschaft befindet sich im Umbruch. Davon ist auch die Gaswirtschaft betroffen. Entsprechend stellen sich Fragen der Marktöffnung, Regulierung und des Umbaus der Energieversorgung hin zu mehr erneuerbaren Energien und weniger CO2-Emissionen. Die Gaswirtschaft kann mit ihrem Gasnetz, das im Unterschied zum Stromnetz nicht nur Energie transportieren, sondern auch speichern kann, einen bedeutsamen Beitrag leisten - mit Erdgas aber auch erneubaren Gasen aus Biomasse oder überschüssigem Strom aus Sonne und Wind. Das ringt aber allen Akteuren einigen Anpassungsbedarf ab. In einem Verband ist man quasi mitten im Orkan und versucht, die Rahmenbedingungen zusammen mit den Mitgliedern entsprechend mitzugestalten beziehungsweise die Mitglieder zu unterstützen, sich optimal auf die Veränderungen einzustellen. Unsere Mitglieder sind in der Regel Stadtwerke, die im Querverbund ein Strom-, Gas- und Wassergeschäft betreiben, entsprechend vernetzt denken wir.

 


Das Staatsekretariat für Wirtschaft (Seco) hat kürzlich zusammen mit dem Arbeitgeberverband einige Massnahmen veröffentlicht, um Firmen zu ermutigen, mehr Frauen in Spitzenpositionen zu befördern. Aber kritische Stimmen sind der Meinung, dass freiwillige Massnahmen nicht genügten. Was ist Ihre Meinung dazu?

Meine Erfahrung ist, dass etliche Unternehmen in der Zwischenzeit zum Teil bewusst Frauen suchen, auch ohne Quotenregelungen. Dies auch deshalb, weil sie sehen, dass Diversität auch im Management eine Stärke ist. Führungsteams, die sich aus beiden Geschlechtern zusammensetzen beziehungsweise aus Menschen mit verschiedenen Erfahrungshintergründen, bewirken, dass andere Ideen in die Diskussion eingebracht und ausgewogenere Entscheide gefällt werden. Gleichzeitig haben es Frauen zum Teil schwer, ganz nach oben zu gelangen, wenn der VR und das Topmanagement sehr männlich geprägt sind und auch entsprechende Rollenbilder im Kopf haben. Dennoch halte ich nicht viel von Frauenquoten, die in technischen Bereichen zum Teil heute leider noch kaum realistisch sind und dann mehr schaden als nützen, weil es noch zu wenig Frauen mit entsprechenden Erfahrungen gibt. Unternehmen müssen an den Punkt gelangen, an dem sie den Wert von Frauen erkennen. Deshalb freue ich mich gerade auch darüber, dass in der sehr männlich geprägten Energiewirtschaft immer mehr Schlüsselpositionen durch Frauen besetzt sind. Das macht jungen Frauen Mut und verändert das Bewusstsein von solchen, die über die Besetzung solcher Positionen entscheiden.

 

Zur Zeit machen Frauen im obersten Management ungefähr 4% aus, und 8,3% in den Verwaltungsräten. Das Seco stellte fest, dass sich die Situation seit 10 Jahren kaum verändert hat. Was denken Sie woran das liegt?

Dafür gibt es aus meiner Sicht verschiedene Gründe, die ich bereits angetönt habe. Zum Teil verhindern männlich geprägte Machtstrukturen den Aufstieg von Frauen, zum Teil auch die Frauen selber, die es sich nicht zutrauen oder meinen, sie müssten sich dann zu stark verbiegen. Vielen fehlen auch entsprechende Netzwerke, beziehungsweise sie haben es versäumt, darin zu investieren. Dann bräuchte es auch mehr Teilzeitstellen für Männer und auch gesellschaftliche Akzeptanz, wenn sie zur Familienarbeit beitragen.


Studien haben gezeigt, dass Firmen mit mehr Frauen im leitenden Management besser arbeiten und dass gemischte Teams kreativer sind und besser auf die Bedürfnisse der Kunden eingehen können, was meinen Sie dazu?

Diversität im Sinne von Geschlecht, Alter, Lebenshintergrund etc. trägt grundsätzlich dazu bei, dass neue Ideen in ein Team reinkommen. Die Zusammenarbeit wird dadurch auch anspruchsvoller. Männer etwa treiben in der Regel eine Idee kompromisslos vorwärts, Frauen reflektieren umfassender, was die möglichen Auswirkungen bei den unterschiedlichen Anspruchsgruppen sein könnten und lassen dies in die Diskussion einfliessen. Diejenigen, die vorwärts machen wollen, können dies als Sand im Getriebe und als Unentschlossenheit störend empfinden.

 

Einige der Firmen haben sich explizit Ziele gesteckt. Der Pharmakonzern Roche hatte das Ziel, bis Ende 2014 20% Frauen im Topmanagement zu haben, gibt es bei Erdgas auch ein solches Ziel?

Nein. Beim Verband verfügen wir schon über einen hohen Frauenanteil. Bei den Werken sind in gewissen technischen Bereichen Frauenquoten von 30% oder mehr heute noch nicht realistisch. Aber auch hier treffe ich immer mehr auf spannende Frauen in Toppositionen.

 

Die Gleichstellung von Mann und Frau ist seit 30 Jahren in der Schweizer Verfassung verankert, aber sie ist nicht erreicht worden, warum verdienen Frauen immer noch rund 20% weniger als die Männer?

Ich kann das nicht beurteilen. Viele Unternehmen nehmen mittlerweile eine funktionsbezogene Bewertung vor, die unabhängig vom Geschlecht ist. In Toppositionen sind Männer die offensiveren Verhandler, Frauen suchen allenfalls mehr nach einem Profil, das ihnen entspricht und sehen darin einen Wert an sich.


Frau Decurtins, seit dem Abschluss des EMBA HSG sind 4 Jahre vergangen, welchen Mehrwert ziehen Sie auch heute noch daraus und aus welchem Modul konnten Sie den grössten Nutzen ziehen?

Für mich war das EMBA wie eine Art Boxenstopp auf meinem Weg, der es mir ermöglichte, mein Führungsverhalten zu reflektieren und neue Instrumente kennenzulernen, um Fragestellungen zu bearbeiten. Das hat mir auch Selbstvertrauen gegeben, einen Branchenwechsel zu wagen, der enorm horizonterweiternd ist.

 

Was waren seinerzeit Ihre Beweggründe, das EMBA HSG Studium zu absolvieren?

Ich hatte damals grössere Projekte geleitet, darunter auch Restrukturierungen, bei denen man viel von sich selber gibt. Ich wollte wieder einmal etwas für mich machen, um mich als Mensch weiterzuentwickeln. Es war immer die Suche nach Lernchancen, die mich antreibt. Ein allfälliger Stellenwechsel war für mich damals überhaupt kein Thema. Das hat sich dann nach Abschluss des Studiums ergeben